

Haie pro Jahr getötet¹⁰
Fischbestände überfischt¹¹
MSC-zertifizierter Fang industriell¹²
Das Problem mit der Fischerei
Dass die Überfischung eines der drängendsten Probleme der Ozeane ist, merken wir im Alltag kaum. Im Supermarkt gibt es Fischstäbchen für 1,99 €, obwohl die heimischen Kabeljaubestände des Atlantiks überfischt oder sogar ganz erschöpft sind [Quelle 1]. Die Regale sind prall gefüllt mit Thunfisch, Bonito, Seelachs und Forelle, meist versehen mit MSC-Siegel, das uns beim Verzehr das wohlige Gefühl von umweltbewusstem Konsum vorgaukeln soll. Dabei ist das Siegel selbst unter Annahme tatsächlich nachhaltiger Praktiken nichts weiter als eine selbsterfüllende Prophezeiung – noch intakte Fischbestände fallen weiter unserem Hunger nach “Meer” zum Opfer, bis auch sie restlos überfischt sind.
Allein eine selektive Fischereimethode kann nachhaltig sein, bei der jeweils nur genau der Zielfisch gefangen wird; diese Technik heißt "Pole and Line"-Fischerei. Es gibt daneben mehrere Fischereimethoden, die nicht nachhaltig sein können, weil stets beim Einsatz von Technik unfassbar viele Tiere als sogenannter "Beifang" gefangen werden. Deutschland wurde 1993 das Fischen mit Treibnetzen beendet, 1994 wurden international Treibnetze geächtet. In Grundschleppnetze sind auf den Malediven verboten, und auch Griechenland reguliert hier. Deutschland lässt sich Zeit. Insgesamt werden weiterhin weltweit in der industriellen Fischerei sowohl Langleinen als auch Grundschleppnetze und FADs in der Ringwadenfischerei eingesetzt.
Blickt man unter die Meeresoberfläche, scheint alles wie immer: Hier und da tummeln sich kleine Fische zwischen Seegras und Korallen, und auch heute zieht die Unterwasserwelt neue Taucher und Schnorchler in ihren Bann. Nur der Blick zurück offenbart uns, was wir selbst kaum erkennen können:
Betrachtet man die Filmaufnahmen von Jaques-Yves Cousteau, John “Charlie” Veron, Sylvia Earle [s.a. Quelle 2] und anderen namhaften Pionieren der Meeresforschung, wird einem schnell klar, dass unsere Ozeane einst ein Vielfaches an Leben von dem beherbergten, was heute noch übrig ist. Sylvia Earle antwortete einmal auf die Frage, welcher Ort der schönste Tauchplatz der Welt sei: “Fast überall, vor fünfzig Jahren” [Quelle 3].
Unsere Erinnerung an die Vergangenheit passt sich stetig den Eindrücken der Gegenwart an, unser Bewusstsein für Beständigkeit orientiert sich an dem Zustand, den wir von klein auf gewohnt sind. Das Dilemma der "shifting baseline" (verschobene Nulllinie) begegnet uns in vielen Alltagssituationen und erschwert zusätzlich Umweltschutzbemühungen, die der Gefährdung unserer Ökosysteme entgegenhalten wollen. Doch auch in jüngster Vergangenheit finden wir Beispiele für den Rückgang des Fischreichtums direkt vor unserer Haustür.
Der Atlantische Hering (Clupea harengus) war bis ins 20. Jahrhundert so verbreitet, dass er ein Grundnahrungsmittel für die schlechter betuchte Bevölkerung Europas darstellte und gleichzeitig den Aufstieg der Hanse ermöglichte - bis es im 21. Jahrhundert aufgrund von Überfischung und ökologischer Fluktuation zum Kollaps kam. [Quelle 4]. Bis dato hatte man geglaubt, dass die Heringsbestände unerschöpflich seien. Heute, viele Jahrzehnte und etliche Quotenreduktionen später, gilt die atlantische Heringspopulation wieder als stabil [Quelle 1].
Anders sieht es beim Atlantischen Dorsch (Gadus morhua) aus: Eines der wohl bekanntesten Beispiele von Überfischung vollzog sich in den 80er und 90er Jahren vor der Küste Neufundlands, wo die Dorschbestände so reich waren, dass zahllose Menschen nach Kanada zogen, um als Fischer zu Reichtum zu gelangen. Es war Kanadas "gold rush". Infolge einer Reduktion der Bestände auf weniger als 1 % der einstmaligen Biomasse wurde 1992 schließlich ein Moratorium ausgehandelt, das die weitere Befischung unterband [Quelle 5]. Seitdem haben sich die Bestände nur schleichend erholt. Zusätzlicher Fangdruck und widrige ökologische Bedingungen in der Nordsee [Quelle 6] und Ostsee [Quelle 7] führten dazu, dass der Dorsch in der nördlichen Hemisphäre stark zurückgegangen und auf der Roten Liste der IUCN als gefährdet gelistet ist [Quelle 8].
Laut dem aktuellen Bericht der Food and Agriculture Organisation (FAO) werden derzeit 34 % der weltweiten Fischbestände überfischt, 60 % befinden sich an der maximalen Auslastungsgrenze und nur 6 % sind “unterfischt” [Quelle 1]. Seit 1990 hat sich unser Fischkonsum mehr als verdoppelt (222 %).
Eine dauerhafte Lösung für das Problem der Überfischung kann nur sein, die Ursache zu bekämpfen: den Fischkonsum wieder herunterzuschrauben. Auch wenn es sich nicht so anfühlen mag, da Fisch hierzulande so günstig ist, dürfen wir ihn nicht länger als Selbstverständlichkeit ansehen, sondern müssen zu bewusstem Konsum wirklich nachhaltig gefangenen Fischs kommen. Wir benötigen Fisch nicht auf unserem Speiseplan. Die World Health Organisation (WHO) empfiehlt den Verzehr von 1-2 Portionen Fisch pro Woche, um den Bedarf an Omega-3-Fettsäuren zu decken [Quelle 9]. Tiere (darunter auch der Mensch) können diese nämlich nicht selbst herstellen, sondern müssen sie über die Nahrung zuführen. Da stellt sich doch die Frage: Woher haben die Fische ihr Omega-3? Aus den Algen, die sie oder ihre Beute konsumiert haben. Um seinen eigenen Fettsäurehaushalt intakt zu halten, empfiehlt sich also der Verzehr von Pflanzen. Nüsse beispielsweise enthalten reichlich Omega-3-Fettsäuren und sind gleichzeitig viel nachhaltiger als Fisch.
Aktuell sind 11 % der Weltbevölkerung unterernährt, insbesondere in den Ländern Südasiens, Afrikas und besonders der Subsahara [Quelle 10]. Diese Menschen sind mit zunehmenden Extremwetterereignissen zukünftig noch stärker auf den Konsum von Fisch angewiesen, während dieser bei uns ein Luxusprodukt ist.
Mit unserer Wirtschaftsweise schaden wir den Menschen, die sowieso schon zu wenig haben, weil wir uns an den Luxus der westlichen Welt gewöhnt haben – eine weitere Nulllinie, die sich drastisch verschoben hat und nun zu Aufschrei führt, wenn wir auf unseren Luxus verzichten sollen.
Dabei könnte es so einfach sein. Die Welt hat genügend Nahrung für alle. Man muss sie nur gerecht verteilen.




