

Plastik jährlich neu im Meer⁷
Tierarten von Geisternetzen bedroht⁸
Plastik in der Nordsee von Fischern⁹
Plastik ist nur der Anfang
Unsere Meere bedecken 70 Prozent unserer Erdoberfläche und beherbergen das größte zusammenhängende Ökosystem unseres Planeten mit immenser biologischer Vielfalt, von der vieles noch unerforscht ist, insbesondere die Tiefsee. Die Meere liefern mehr Sauerstoff als der gesamte Regenwald zusammen und stabilisieren das Klima, indem sie Treibhausgase speichern. Sie beherbergen wichtige Rohstoffe, sind Transportweg für den internationalen Handel, liefern Nahrung und Energie für die Küstenbewohner, bieten Platz für Siedlungs- und Erholungsräume. Viele der größten Megastädte liegen an der Küste. Der Mensch nutzt also die Gaben, die das Meer ihm bietet, doch wie sieht unsere Gegenleistung aus? Wir hinterlassen Wunden im Ökosystem Ozean durch unsere unvorsichtige, rücksichtslose Lebensweise. Zunehmend gestresst stöhnt es unter der Last von Klimawandel und Umweltverschmutzung durch den Menschen, das einzige Lebewesen auf der Erde, das Müll erzeugt.
Müllberge, die sich häufig an den Küsten türmen, sind für alle oder zumindest für die meistens ein Problem; ein sichtbares Problem, über das man sich Gedanken macht und nach Lösungen sucht. Aber viele Verschmutzungen enden eben nicht als sichtbarer Müllberg vor der Haustüre, z.B.:
Nitrate und Phosphate durch industrielle Landwirtschaft, Tiermast, intensiven Ackerbau.
Chemie und Schwermetalle durch industrielle Abwässer, Abgase, Bergbau, Ölverbrennung.
Radioaktivität durch Atomkraftwerke - Betreiber USA, Russland, Japan u. europäische Staaten.
Ölverschmutzung durch Abwässer, Leckagen bei der Ölförderung, Tankerunfälle, Ölplattformen [Quelle 12].
Munition im Meer durch Weltkriege und andere Konflikte.
Lärm und Schall durch Tiefseebergbau, Seeverkehr, militärische Aktivitäten, Rammen von Spundwänden für Häfen und Pfählen für Offshore-Anlagen, Suche nach Öl- und Gasvorkommen mit Schallkanonen, Öl- und Gasförderung
Plastikmüll, ca. 20 % entstehen auf See und ca. 80 % an Land [Quelle 13]. Durch Strömungen werden sie in den Ozeanen verteilt. Fünf große Müllstrudel sind bekannt. Der meiste Müll landet jedoch an den globalen Küsten. Zum Plastikmüll zählen auch die ausrangierten Fangnetze, genannt Geisternetze, welche den Meeren hinterlassen werden.
Plastik im Meer
Schätzungen zu Folge sind bisher durch den Menschen 86 Millionen Tonnen Plastik im Meer gelandet. Jedes Jahr kommen etwa 10 Millionen Tonnen hinzu [Quellen 15-16].
Plastikabfälle, die über unsere Flüsse im Meer landen, lassen Tiere sterben. Egal, ob eine Robbe an einem Plastikring um den Hals allmählich erstickt, ein Wal Plastik frisst oder eine Schildkröte Plastiktüten mit Quallen verwechselt, sie frisst und daran verendet, das Dilemma ist unser unendlicher Plastikkonsum und die durch die Fischerei verursachten Geisternetze. Die Basstölpel auf Helgoland bauen ihre Nester mittlerweile zu fast 90 % aus Fischereinetzen. Die Jungvögel verheddern sich darin und verenden elendig. Die weltweite industrielle Fischerei tut ihr übriges. 4,5 Millionen Fischereischiffe mit 40 Millionen Fischern an Bord setzen den Fischbeständen in unseren Ozeanen weltweit unerlässlich zu [Quelle 17].
Nichts, was wir wegschmeißen, ist jemals wirklich „weg“. Das gilt ganz besonders für Plastik, das im Meer landet. Diese Erkenntnis scheint viele Menschen erst jetzt so allmählich zu ereilen, denn immer noch verschwinden jedes Jahr zahllose Fanggeräte der Fischereiflotten in den Tiefen unserer Ozeane. Von den Schelfmeeren bis zu Tiefseebecken haben portugiesische und spanische Forscher die europäischen Gewässer nach Plastik abgesucht und die Ergebnisse in ihrer Studie veröffentlicht [Quelle 18]: Es lag überall. Die meisten Plastikteile fanden sie in den Tiefseegräben, die sonst außerhalb unserer Einflüsse liegen. Verlorengegangene Netze stellten dabei mehr als ein Drittel der Müllmenge. Allein in der Ostsee gehen pro Jahr zwischen 5 und 10 Tausend Netze über Bord [Quelle 19].
Nach ihrem Verschwinden sind diese Netze treibende Todesfallen. Wie lange sie weiter Meeresbewohner fangen, ist noch nicht vollends geklärt und hängt auch mit den Umwelteinflüssen zusammen, beispielsweise wie schnell ein Netz von Algen, Schwämmen und Krebstieren so zugewachsen ist, dass es quasi mit seiner Umgebung verschmilzt. Schätzungen gehen davon aus, dass es bis zu 27 Monate dauern kann, bis ein Netz durch den Bewuchs sesshafter Organismen unschädlich gemacht wurde [Quelle 20].
Mittlerweile sind mehr als 500 Tierarten von diesem Verhedderungsproblem bedroht. Ganze 83 % der Atlantischen Nordkaper (Eubalaena glacialis) tragen Plastikteile am Körper, viele Tiere aller 7 existierenden Meeresschildkröten-Arten werden in Geisternetzen verstrickt und ersticken dort elendig zusammen mit Walen, Robben und Haien [Quelle 20]. Wo die Netze nicht sofort töten, schränken sie die Bewegungsfreiheit dramatisch ein oder verhindern die Nahrungsaufnahme. Da das Plastik nicht verrottet, sondern nur kleingerieben wird, bilden sich im Laufe der Zeit einzelne Fasern und Mikroplastik. Und selbst dann hört das Töten nicht auf: Das Mikroplastik füllt die Mägen schon der kleinsten Tiere in der Nahrungskette, und Seevögel, unter ihnen die Basstölpel von Helgoland, bringen die quietschbunten Fasern nichtsahnend für den Nestbau von der Reise mit. Diese Dekoration hat schon vielen Seevogelküken an den Steilklippen das Leben gekostet. Bei genauem Hinsehen hängen hunderte Leichen wie makabre Galionsfiguren an den roten Felsen.
Glücklicherweise gibt es weltweit Bemühungen, die freischaffenden Tötungsinstrumente wieder einzusammeln. Dazu gehören das Olive Ridley Project auf den Malediven, die Bemühungen der norwegischen Regierung seit 2018 [Quelle 21] und zahlreiche Projekte des WWF in unserer heimischen Nord- und Ostsee. Auch viele Hobbytaucher melden oder bergen Geisternetze bei ihren Tauchgängen.
Noch besser wäre es natürlich, wenn man die Netze gar nicht erst wieder rausholen müsste.
Folgen des Mülls im Meer
Durch die industrielle, konventionelle Landwirtschaft gelangen riesige Mengen an Phosphor- und Stickstoffverbindungen über die Flüsse ins Meer. Diese Überdüngung fördert die Algenblüte, wodurch sogenannte Todeszonen entstehen. Ein sehr gutes Beispiel ist hierfür die Ostsee.
Durch industrielle Abwässer, Abgase, Bergbau, Ölverbrennung liegt die Gefahr nicht nur in der Menge und Vielfalt der im Meer landenden Schadstoffe, die ganze marine Ökosysteme auf Jahrzehnte zerstören können, sondern auch in der Anreicherung bestimmter Stoffe in der Nahrungskette, wie z.B. Quecksilber.
Das Meer wurde nicht nur als Übungsgebiet für über 250 Nuklearwaffentests genutzt, sondern auch von 1946 bis 1993 als gigantische Müllkippe für radioaktiven Müll in Metallfässern. Die Fässer sind in allen Meeren anzutreffen, rosten und geben radioaktive Strahlung frei. Auch wenn es diese Entsorgung seit 1993 für radioaktive Feststoffe nach der Londoner Convention (LC72) nicht mehr gibt, ist die direkte Einleitung von radioaktiven Abwässern immer noch erlaubt und wird auch praktiziert. Radioaktive Strahlung bedeutet, selbst in geringen Mengen, ein erhöhtes Krebsrisiko [Quellen 22-24].
99,8 Millionen Barrel Öl wurden im Jahr 2018 weltweit pro Tag verbraucht. In den vergangenen 50 Jahren hat sich der weltweite Erdölverbrauch fast verdreifacht [Quelle 25].
Eine der schlimmsten Katastrophen in der Ölförderung ereignete sich am 20. April 2010. Die Bohrinsel “Deepwater Horizon” des britischen Mineralölkonzerns BP explodierte im Golf von Mexiko. Elf Menschen starben, und das Öl trat aus dem leckgeschlagenen Bohrloch unkontrolliert ins Meer aus. Nach Schätzungen 780 Millionen Liter. Sie verseuchten einen 75 km langen Küstenstreifen und bedeuteten den Tod für Tausende Vögel, Meeressäuger, Fische und andere Meereslebewesen. Ebenso verloren 40.000 Menschen durch die Katastrophe ihre Lebensgrundlage. Nicht weniger schlimm sind auch die Tankerunglücke. Die Regenerationszeit für die Natur nach einer Ölpest variiert je nach Ökosystem und Bodenbeschaffenheit zwischen einigen Monaten und 20 Jahren [Quellen 25-26].
Giftige und explosive Altmunition lagert tonnenweise auf unseren Meeresböden und stellt eine Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt dar. Vieles wurde nach dem Krieg einfach dort entsorgt. Es könnte beim Bau von Offshore-Windkraftanlagen oder bei Verlegung von Unterseekabeln zu Unfällen kommen. Und je mehr Bomben und Munition korrodieren, desto häufiger gelangen giftige und krebserregende Stoffe in die Umwelt und können über die gelöste Form oder als sehr kleine Partikel in die menschliche Nahrungskette gelangen [Quelle 27].
Durch den immer stärkeren Lärmpegel in unseren Ozeanen sind sämtliche Meeresbewohner betroffen. Negative Auswirkungen sind u.a. Verhaltensänderungen, Ändern der Wanderrouten, Vertreibung aus den Gebieten, Hörschäden, Missbildungen, Schwierigkeiten bei der Kommunikation untereinander (überdeckt durch Fremdgeräusche) und Tod, je nach Geräuschpegel und Stressreaktion [Quellen 28-29].




