
Auch als Europäer kennen wir Große Weiße Haie, Bullenhaie, Riffhaie und Hammerhaie. Sie leben in wärmeren Gefilden und sind bei uns eher seltener anzutreffen. Doch vor unserer Haustür, in Nordsee und Nordostatlantik, leben ebenfalls Haie. Bekanntere, und unbekanntere. Riesige und eher kleine. Sogar Weltrekordhalter sind darunter.
In unserer Serie stellen wir Haie der Nordsee und des Nordatlantik vor – man muss nicht um den halben Globus fliegen, um (keine) Haie zu sehen.

1. Der Dornhai
Der Dornhai (Squalus acanthias) wird bis zu 1,60 Meter groß, und die Weibchen werden je nach Meeresgebiet erst mit etwa 23 Jahren geschlechtsreif. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über den Pazifik und Atlantik bis hinein in die Nordsee und das Schwarze Meer.
Beinahe überall auf der Welt steht er allerdings auch unter Fangdruck: Die weltweite Population ist in den letzten 5 Jahrzehnten auf gut ein Drittel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Im Nordostatlantik schrumpfte die Population durch Überfischung sogar um 95 Prozent. Das offizielle Fangverbot in allen EU-Gewässern scheint derzeit eine langsame Erholung der Bestände zu ermöglichen.
Währenddessen ist der Bauchlappen des Dornhais unter dem Namen “Schillerlocke” sogar mit MSC-Siegel auf dem deutschen Markt erhältlich: Meist stammt er von der nordamerikanischen Ostküste aus dem FAO 21.

2. Der Riesenhai
Ein großer dunkler Schatten zieht bisweilen durch die kalten Gewässer unserer Breiten: Mit weit aufgesperrtem Maul gleitet der bis zu 10 Meter große Riesenhai durch das zumeist trübe Wasser. Vor der Küste Schottlands z.B. trifft man ihn häufig.
Trotz seiner respekteinflößenden Größe ist Cetorhinus maximus ein harmloser Vertreter seiner Klasse, da er sich ausschließlich von Zooplankton ernährt. Damit ist er der einzige Hai aus der Ordnung der Makrelenhaiartigen mit dieser für Haie ungewöhnlich anmutenden Ernährung, indem er das Plankton mit Kiemenreusen aus dem Wasser filtert. Dabei saugt er das Wasser nicht aktiv ein, sondern lässt es einfach in sein Maul hineinströmen. Auf diese Weise kann ein ausgewachsener Riesenhai 1800 bis 2000 Tonnen Wasser pro Stunde filtern, was auch notwendig ist, bedenkt man, dass er pro Tag 500 kg der kleinen Zooplankton-Organismen benötigt.
Mit einem Gewicht von bis zu 4 Tonnen wird der Riesenhai zwar noch vom Walhai getoppt, ist aber dennoch zweitgrößter Hai und zweitgrößter Fisch der Welt.
Bei einem solchen Anblick kommen auch eher scheue Haifreunde auf ihre Kosten.
Quelle:
L.H. Matthews und H.W. Parker (1950): Notes on the anatomy and biology of the Basking Shark (Cetorhinus maximus). Proceedings of the Zoological Society of London. https://doi.org/10.1111/j.1096-3642.1950.tb00663.x

3. Großgefleckter Katzenhai
Scyliorhinus stellaris gehört zu den weniger bekannten Bewohnern unserer heimischen Meere, und dementsprechend wenig wird er auch erforscht. Sein Verbreitungsgebiet umfasst das Mittelmeer, die Nordsee und den Ostatlantik bis hinunter zum Senegal. Gelegentlich findet man die Eihüllen, Nymphensäckchen oder „mermaid’s purse“ genannt, an unseren Stränden, doch größere Bedeutung findet der bodenlebende, meist nachtaktive Hai, wie könnte es anders sein, in der Fischerei: Besonders Frankreich, Portugal und Großbritannien sind historisch betrachtet die Hauptfanggebiete, wo die etwa 1,3 m großen Tiere mit Bodenschlepp- und Bodenstellnetzen gefangen werden. Oft landet der Großgefleckte Katzenhai auch als Beifang in den Netzen, allerdings gibt es dazu keine verlässlichen Daten. Fischereimanagement wird aus Mangel an Daten nicht betrieben, doch die IUCN hat die Haiart als „Vulnerable“ eingestuft.
Quellen:
A. De Maddalena, H. Bänsch: Haie im Mittelmeer. Kosmos Naturführer, Franckh-Kosmos-Verlag, 2005. ISBN 978-3-440-10458-3
Marine Conservation Society: Good Fish Guide. https://www.mcsuk.org/goodfishg…/ratings/wild-capture/846/
Finucci, B., Derrick, D. & Pacoureau, N. 2021. Scyliorhinus stellaris. The IUCN Red List of Threatened Species 2021. https://dx.doi.org/…/IUCN.UK.2021-2.RLTS…

4. Hundshai
Die Schulen dieses langgestreckten, etwa 1,5 Meter großen Hais findet man immer seltener in unseren heimischen Meeren. Der Hundshai (Galeorhinus galeus) wird von der IUCN als „critically endangered“ eingestuft. Die Weibchen, die im Durchschnitt etwas größer als die Männchen werden, bringen etwa alle drei Jahre zwischen 10 und 50 lebende Jungtiere zur Welt – die langsame Fortpflanzung macht diese Haiart anfälliger für Überfischung. Hundshaie werden sowohl für Fleisch und Flossen als auch für die öl- und Vitamin A-haltige Leber gefangen.
Häufig halten sich die Haie in Schulen entlang der Küstenregionen auf, doch immer wieder findet man sie auch in den Thunfisch-Leinen auf hoher See. Eine Studie des Scripps Instituts in Kalifornien konnte zumindest für die pazifische Population nachweisen, dass Hundshaie über weite Strecken reisen, doch alle drei Jahre in ihre Heimatregion zurückkehren, um ihre Jungen zu gebären. Solche Erkenntnisse könnten in Zukunft dabei helfen, gezielte Schutzmaßnahmen in der Fischerei zu ergreifen, um unsere Nachbarn vor dem Aussterben zu retten.
Quellen:
Walker, T.I., Rigby, C.L., Pacoureau, N., Ellis, J., Kulka, D.W., Chiaramonte, G.E. & Herman, K: Galeorhinus galeus. The IUCN Red List of Threatened Species 2020. https://dx.doi.org/…/IUCN.UK.2020-2.RLTS.T39352A2907336.en
AP Nosal, DP Cartamil, AJ Ammann, et al.: Triennial migration and philopatry in the critically endangered soupfin shark Galeorhinus galeus. Journal of Applied Ecology, 2021. https://doi.org/10.1111/1365-2664.13848

5. Heringshai
Während Weiße Haie in der Nordsee allenfalls als Sommergast aufkreuzen, finden wir ihre Cousins in unseren Gewässern: Der Heringshai (Lamna nasus) zählt ebenfalls zur Familie der Makrelenhaie. Er gilt wegen starker Überfischung Mitte des 20. Jahrhunderts auch heute noch als gefährdete Art auf der Roten Liste der IUCN.
Als schneller Jäger besitzt er in den vergleichsweise kalten Gewässern der nördlichen Breiten einen entscheidenden evolutionären Vorteil: Mithilfe eines speziellen Blutkreislaufs entlang des rotes Muskelgewebes, das sich hauptsächlich im Bereich der kräftigen Schwanzflosse findet, kann er seine Körpertemperatur mehrere Grad über der des Wassers halten. Auch Weiße Haie und Thunfische verfügen über diese Superkraft – bei den Thunfischen hat sich diese wahrscheinlich separat entwickelt. Dies gilt als mögliche Vorstufe der Endothermie, also der Warmblütigkeit, die wir als Säugetiere besitzen. Mit den menschenhungrigen, kaltblütigen Räubern hat die Realität eben nicht viel zu tun.
Quelle:
J.K. Carlson et al.: Metabolism, energetic demand, and endothermy. In: Carrier et al: Biology of Sharks and their Relatives. CRC Press, 2004, S. 203 ff. ISBN 0-8493-1514-X

6. Kleingefleckter Katzenhai
Der Kleingefleckte Katzenhai (Scyliorhinus canicula) ist der wohl häufigste Hai Europas. Von Norwegen bis zum Senegal sowie im Mittelmeer ist er heimisch. Die gerade einmal 1 Meter großen Tiere leben in flachen Regionen am Meeresgrund und fressen so ziemlich alles, was ihnen in den Kram passt.
Ungewöhnlich für Haie ist es, dass die Bestände dieser Art weitestgehend gesund sind – doch das könnte sich mit dem Klimawandel ändern: Katzenhaie legen mehr oder weniger transparente Eier, sogenannte Nymphensäckchen, in denen die Embryos heranwachsen. Wenn sie alt genug sind, fangen sie in den Eihüllen an zu „schwimmen“, um sich Luft zuzufächeln. Nähert sich ein Raubtier, frieren die jungen Katzenhaie diese Bewegung ein. In einer neuen Studie konnten Wissenschaftler aus Manchester nun zeigen, dass dieser „freeze“ bis zu siebenmal kürzer ist, wenn die Wassertemperatur von 15 auf 20°C steigt. Denn dann benötigen die kleinen Embryos deutlich mehr Sauerstoff. So könnte der Klimawandel das Versteckspiel zwischen Räubern und Katzenhaien zum Nachteil der Embryos verschieben.
Quelle:
DM Ripley, S De Giorgio, K Gaffney, L Thomas, HA Shiels: Ocean warming impairs the predator avoidance behaviour of elasmobranch embryos. Conservation Physiology, 2021. https://doi.org/10.1093/conphys/coab045

7. Grönlandhai
Wir präsentieren einen unserer spektakulärsten Nachbarn – den Grönlandhai. Er ist der einzige Hai, der rund um die Uhr die Gewässer der Arktis bewohnt, doch auch in den Tiefen des Nordatlantiks ist er zu Hause.
Was Somniosus microcephalus so außergewöhnlich macht? Er ist das langlebigste Wirbeltier unseres Planeten. Während Jonathan, die Seychellen-Riesenschildkröte etwa 190 Jahre auf dem Panzer hat, deuten Radiokarbonstudien in Grönlandhaien auf mindestens 392 Jahre hin – plus minus 120 Jahre.
Erwiesen ist jedenfalls, dass diese Tiere langsam wachsen und erst mit etwa 150 Jahren geschlechtsreif werden. In der eisigen Kälte der Arktis überdauern sie so die Zeit – heute lebende Grönlandhaie waren möglicherweise schon zu Shakespeares Zeiten auf der Welt.
Vor allem durch den Haifang für Lampenöl in den 1960er Jahren wird der Grönlandhai heute von der IUCN als “gefährdet” gelistet. Angesichts ihrer Lebensspanne erholen sich die Populationen nur extrem langsam von Fangdruck. Es ist also umso wichtiger, diese mystisch anmutenden Kreaturen im Meeresschutz mitzudenken.
Quellen:
J. Nielsen et al.: Eye lens radiocarbon reveals centuries of longevity in the Greenland shark (Somniosus microcephalus). Science, 2016. http://doi.org/10.1126/science.aaf1703
P.M. Kyne et al.: Somniosus microcephalus. The IUCN Red List of Threatened Species 2006. https://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2006.RLTS.T60213A12321694.en

7a. Grönlandhai II
In der letzten Folge haben wir einen unserer spektakulärsten Nachbarn präsentiert, Somniosus microcephalus, den Grönlandhai. Er wird wohl um 400 Jahre alt, und weil so ein langes Leben noch viel mehr zu erzählen hat, haben wir heute einen zweiten Teil unseres betagten Nachbarn:
Lange Zeit nahm man an, dass der träge daherkommende Grönlandhai als Aasfresser durch die Arktis zieht. Immer mehr Studien zeigen allerdings, dass die Tiere offenbar auch gezielt auf Jagd gehen. In Spitzbergen beispielsweise eine Seehundpopulation, die trotz Fangverbots und Mangels an natürlichen Feinden eine vergleichsweise kurze Lebensspanne hat. Es wird vermutet, dass die Grönlandhaie von Spitzbergen das hauptsächliche Raubtier für die Seehunde sind.
In einer anderen Studie, die den Mageninhalt der Grönlandhaie um Grönland analysierte, fand man ähnliche Anzeichen: Neben einigen menschlichen Abfällen wie etwa einer Pepsi-Dose und Fischernetzen – denn nirgendwo auf der Welt ist man sicher vor unserem Müll – befanden sich Fische, Muscheln, Krebse, Tintenfische und zahlreiche Robben. Einer der Haie hatte sogar einen Eisbären verspeist.
Nur der Videobeweis für die Jagdstrategien der Grönlandhaie – der fehlt uns noch.
Quellen:
L-M. E. Leclerc et al.: A missing piece in the Arctic food web puzzle? Stomach contents of Greenland sharks sampled in Svalbard, Norway. Polar Biology, 2012. http://doi.org/10.1007/s00300-012-1166-7
J. Nielsen et al.: Distribution and feeding ecology of the Greenland shark (Somniosus microcephalus) in Greenland waters. Polar Biology, 2013 http://doi.org/10.1007/s00300-013-1408-3

8. Engelhai
Versteckt auf den Sandböden der flachen Kontinentalschelfe lebt der Engelhai (Squatina squatina). Seiner flachen, rundlichen Form nach könnte man ihn leicht für einen Rochen halten. Sein ursprünglicher Lebensraum umfasste die Gewässer von Norwegen bis Nordafrika, das Mittelmeer und das Schwarze Meer.
Seit Jahrtausenden als Speisefisch gefangen, ist die Art heute vom Aussterben bedroht. Allein in der Adria wurden zwischen 1919 und 1924 etwa 60 Tonnen Engelhai pro Jahr gefangen, bevor die Bestände zusammenbrachen. Aus historischen Fangdaten und Interviews mit Fischern wird deutlich, dass es in der Adria früher von der heute so seltenen Art regelrecht gewimmelt haben muss. Diese „verschobene Nulllinie“ (shifting baseline), die unsere Wahrnehmung von Normalität verzerrt, ist sozusagen der Erzfeind des Naturschutzes.
Wir hoffen, dass den Engelhaien die Aufmerksamkeit zuteil wird, die diese mysteriösen Tiere verdient haben.
Quelle:
T. Fortibuoni et al.: Common, rare or extirpated? Shifting baselines for common angelshark, Squatina squatina (Elasmobranchii: Squatinidae), in the Northern Adriatic Sea (Mediterranean Sea). Hydrobiologia, 2016. http://doi.org/10.1007/s10750-016-2671-4
Die Serie lief vom 09.02. bis 27.04.2022



